
Fachkräftemangel als Versicherungsrisiko
Fachkräftemangel und Qualifikationsdefizite sind längst nicht mehr nur Herausforderungen für den Arbeitsmarkt – sie entwickeln sich zu Risikofaktoren mit direkten Auswirkungen auf die (Rück-)Versicherungsbranche. In dem Maße, wie Unternehmen Schwierigkeiten haben, kritische Positionen zu besetzen, steigt die Wahrscheinlichkeit für Betriebsunterbrechungen, Haftungsansprüche und systemische Störungen. Zu verstehen, wie sich Personalmangel in steigendem Haftungsrisiko ausdrückt, ist entscheidend für die frühzeitige Einschätzung zukünftiger Schadenentwicklungen.
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Arbeitsplätze und die für ihre Besetzung erforderlichen Qualifikationen blieben über lange Zeit relativ stabil. Jetzt entwickeln sie sich in rasantem Tempo, da die technologischen Entwicklungen, die Globalisierung und die sich ändernden Marktanforderungen Arbeitsplätze und die zugehörigen Qualifikationen von heute schnell verändern. Das führte über die Jahre zu einem globalen Fachkräftemangel.
Warum die Qualifikationslücke wächst
Zusätzlich zu den rasanten technologischen Veränderungen und den sich wandelnden Marktanforderungen verschärft der demografische Wandel hin zu einer alternden Gesellschaft die Probleme weiter. Infolgedessen stellen der Fachkräftemangel und Qualifikationsdefizite ein viel größeres Problem dar als zuvor.
Qualifikationsdefizite können aus verschiedenen Gründen entstehen, dazu zählen:
- Rascher technologischer Fortschritt, der die Entwicklung der entsprechenden Qualifikationen der Arbeitnehmer überholt
- Sich ändernde Anforderungen der jeweiligen Branchen aufgrund von Veränderungen der Marktbedingungen, Verbraucherpräferenzen oder Branchentrends
- Unzureichende Bildungs- und Ausbildungssysteme und ein Missverhältnis zwischen den vermittelten und den benötigten Qualifikationen
- Geografische oder sektorale Ungleichgewichte, bei denen sich qualifizierte Arbeitskräfte an bestimmten Orten konzentrieren, während andernorts ein Mangel herrscht

Die wirtschaftlichen Folgen fehlender Qualifikationen
Der weltweite Fachkräftemangel wird sich nicht verlangsamen. Forscher gehen davon aus, dass bis 2030 global 85 Millionen Arbeitskräfte fehlen werden. Dieser Fachkräftemangel könnte im Jahr 2030 zu einem Verlust von 8,5 Billionen USD an potenziellen Jahresumsätzen führen. Das sind etwa 1 Million USD an nicht realisierten Einnahmen für jede unbesetzte Stelle. Mehrere Branchen sind aufgrund ihrer spezifischen Anforderungen an hochspezialisierte oder sich schnell entwickelnde Qualifikationen besonders vom Fachkräftemangel und Qualifikationsdefiziten betroffen. Dazu gehören:
- Gesundheitswesen
- Bauwesen
- Maschinenbau
- Informationstechnologie (IT) und Softwareentwicklung
- Finanzdienstleistungen
Fachkräftemangel im Gesundheitswesen
Das Gesundheitswesen erfordert hoch qualifizierte Arbeitskräfte, darunter Ärzte, Krankenpflegekräfte und medizinisches Fachpersonal im Gesundheitswesen. Angesichts des medizinisch-technischen Fortschritts und der alternden Bevölkerung steigt der Bedarf an spezialisierten Fachkräften im Gesundheitswesen, was in den meisten Ländern zu Personallücken führt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass weltweit bis zum Jahr 2030 10 Millionen medizinische Fachkräfte fehlen werden.
Unternehmerische Resilienz unter Druck
Das Problem des Fachkräftemangels stellt auf dem heutigen Arbeitsmarkt eine große Herausforderung dar, von der Arbeitgeber und Arbeitssuchende gleichermaßen betroffen sind. Ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften kann sowohl für Unternehmen als auch für die Wirtschaft im Allgemeinen erhebliche Auswirkungen haben. Der Fachkräftemangel birgt echte Risiken für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen. Diese sind an solche Risiken nicht per se adaptiert. Mit Blick auf die Zukunft ist es daher wichtig, sich proaktiv auf die neuen Anforderungen vorzubereiten, die den Arbeitsmarkt prägen werden. Die Identifizierung der nachgefragten Qualifikationen und die Anpassung von Strategien zur Behebung der sich entwickelnden Personal- und Qualifikationsdefizite sind der Schlüssel zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit und zur Sicherung des Erfolgs in der dynamischen Welt der Arbeit.
Fachkräftemangel als Treiber versicherbarer Risiken
Aus Sicht der Versicherungsbranche sind der Fachkräftemangel und Qualifikationsdefizite potenzielle Quellen für Schäden. Sie können beispielweise zu Problemen in technischen Arbeitsabläufen führen, da den Arbeitnehmern möglicherweise das Fachwissen zur Bedienung und Wartung moderner Maschinen und Technologien fehlt. Dies kann zu längeren Ausfallzeiten, Produktionsverzögerungen und höheren Kosten führen. Ein Mangel an versierten Fachkräften mit detaillierten Kenntnissen und Erfahrungen erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Maschinen falsch eingesetzt und Verfahrensroutinen nicht befolgt werden, wodurch unter anderem auch die Wahrscheinlichkeit von Arbeitsunfällen steigt.
Medizinische Behandlungsfehler: Ein wachsendes Risiko
Viele Gesundheitssysteme in der Welt sind seit Jahren chronisch unterfinanziert. Diese Entwicklung ist weitgehend unabhängig vom jeweiligen Krankenversicherungssystem. Die Folgen sind eine oft nicht vorhandene oder technisch veraltete Medizintechnik, vor allem aber eine fast durchgängige Strategie der Kostenreduzierung. Personal wird abgebaut, offene Stellen werden nicht oder mit weniger qualifiziertem Personal besetzt. Chronische Arbeitsüberlastung, unzureichende medizinisch-technische Ausbildung und oft schlechte Bezahlung haben zu der Situation eines substantiellen Personalmangels geführt. Diese Kombination aus Personalmangel und überlastetem und oft unzureichend qualifiziertem Personal sind ideale Voraussetzungen für Arzthaftungsansprüche. Es ist zu erwarten, dass alle diese Umstände zu einer Zunahme solcher Ansprüche führen werden. Langfristig könnte dies auch zu einem Anstieg von Morbidität, Mortalität und damit verbundenen Ansprüchen führen.
Neue Risiken in einer sich verändernden Arbeitswelt
Die zunehmende Diskrepanz zwischen den Anforderungen von Arbeitsplätzen und den verfügbaren Qualifikationen schafft neue Anfälligkeiten in verschiedenen Branchen. Unternehmen stehen vor immer größeren Herausforderungen bei der Rekrutierung und Bindung qualifizierter Fachkräfte – mit steigender Wahrscheinlichkeit für Fehler, Unfälle und Betriebsunterbrechungen. Für die (Rück-)Versicherungsbranche bedeutet dies eine erhöhte Exponierung in zahlreichen Sparten, von der Berufshaftpflicht und der Unfallversicherung bis hin zu technischen Ausfällen und Arzthaftungsfällen. Die frühzeitige Erkennung und Bewertung dieses sich wandelnden Risikoumfelds ist entscheidend für eine präzise Zeichnung und langfristige Resilienz. Zukünftig werden (Rück-)Versicherer ihre Risikomodelle anpassen, Zeichnungsstrategien verfeinern und ihre Kunden bei der Bewältigung personalbezogener Risiken unterstützen müssen.